Die Tür zur Glückseligkeit
von EMJu
Der Spiegel war zu breit. Damit ich die Duschwand einbauen konnte, musste ich ihn durch einen schmäleren ersetzen. Womöglich empfahl es sich, vorher die Wand dahinter zu streichen, also nahm ich ihn ab, um nachzusehen.
Man kann sich mein erstauntes Gesicht vielleicht vorstellen, als ich den zweiten Spiegel entdeckte, der hinter ihm zum Vorschein kam. Kleiner, viel kleiner, nicht größer als ein Teller, mit schwarzen Flecken durchsetzt und auch nicht wirklich glatt, sondern irgendwie wellig - nicht so wellig, wie alte, verzogene Spiegel manchmal sind, eher wellig wie bewegtes Wasser.
Neugierig streckte ich die Hand aus, um seine Oberfläche zu berühren.
Ich spürte nichts. Kein Widerstand an meinen Fingern. Ich konnte einfach durch ihn hindurchfassen wie durch ein Loch in der Wand. Meine Hand war noch sichtbar, schimmerte aber wie mit Messing überzogen. Darüber mein Gesicht als Spiegelbild; verzerrt - und ungläubig blickend.
Als Kind hatte ich mal in eine Fühlkiste fassen müssen. Es war auf einem Schulfest gewesen, die Schulklassen hatten diese Kisten aufgestellt, irgendwelche Gegenstände hineingelegt und man musste beim Anfassen erraten, um was es sich bei den Gegenständen handelte. Manche Kinder hatten laut "Iiiih!" geschrien, wenn sie in die Kisten gefasst hatten, dann gelacht, weil darin gar nichts Ekliges gewesen war, sondern nur Steine, Moos oder Baumrinde. Aber ich hatte dadurch schreckliche Angst davor bekommen, ebenfalls hineinzufassen, und obwohl ich es trotzdem tat, war dies in der Erwartung geschehen, gleich etwas ganz Furchtbares zu berühren. Dasselbe Gefühl umfing mich jetzt, als ich tiefer in den Spiegel fasste. Einerseits war da der Wunsch zu wissen, was auf der anderen Seite war, andererseits hatte ich Panik, gebissen zu werden, hineingezogen, oder dass sonst etwas völlig Irrationales geschähe. Ich begann zu zittern, kam mit dem Handgelenk an den Rand des Spiegels, und mit einem Mal brach die Wand ringsherum weg, kippte einfach nach hinten, der Spiegel fiel zu Boden, ich stolperte, verlor das Gleichgewicht und stürzte in eine messingfarbene, endlos scheinende Tiefe.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem unebenen Höhlenboden. Ein Kätzchen saß neben mir, vertilgte genussvoll eine Maus und schnurrte dabei. Dann sah es auf, zwinkerte mich mit dem rechten Auge an und sagte: "Er wird gleich kommen."
"Wer?", fragte ich, und das Kätzchen antwortete: "Na, Gott."
Ach so, dachte ich, dann werde ich wohl tot sein, und versuchte mir vorzustellen, wie das geschehen war. Vielleicht war ich beim Abhängen des Spiegels gestürzt und hatte mir das Genick gebrochen. Vielleicht hatte ich auch einen Herzinfarkt bekommen, so was soll ja hin und wieder ganz spontan vorkommen, ohne, dass der Betroffene vorher irgendwelche Anzeichen verspürte. Aber da ich mich nicht erinnern konnte und es nun ohnehin zu spät war, fand ich mich damit ab und sah mich ein bisschen um.
Es war etwas düster in der orange beleuchteten Höhle. Lange Stalaktiten hingen von der gewölbten Decke herab, an ihren Enden wuchsen große Wassertropfen und schimmerten wie Perlen.
Einer fiel herab und traf mich direkt auf die Nase. Ich strich ihn aus meinem Gesicht. Sofort roch meine Hand nach Orangen ... nein, nach Schokolade ... nach Flieder ... die Gerüche wechselten, solange ich versuchte, sie zu identifizieren. Als ich es aufgab, roch ich gar nichts mehr.
Ich richtete mich auf und setzte mich. Das Kätzchen war verschwunden.
Meine Augen gewöhnten sich an das schwache Licht. In einigen Metern Entfernung konnte ich schroffe Felsvorsprünge an den Höhlenwänden ausmachen, brauner Fels, nicht grauer, und manch einer dieser großen Steine hatte die Form von Dingen, die mir vertraut waren. Einer sah aus wie ein Busch, einer wie ein überdimensionaler Hamster, einer wie ein Auto. Einer erinnerte mich an einen Menschen. Interessiert erhob ich mich und ging auf ihn zu.
Beim Näherkommen entpuppte sich der Fels als eine moosbewachsene Statue aus braunem Marmor. Der Bildhauer musste Humor gehabt haben, denn die Figur - ob Mann oder Frau war nicht erkennbar - zeigte eine lange Nase mit der rechten Hand und streckte dem Betrachter die Zunge heraus. Ich fühlte mich angesprochen und musste grinsen, ich, der neugierige Mensch, der von einer verwitterten, namenlosen Statue zum Narren gehalten worden war. Der gedacht hatte, die Statue könnte vielleicht ein versteinerter ... lassen wir das. Wahrscheinlich dachte ich in dem Moment nur, dass ich das gedacht hatte.
Hinter der Statue führte eine grob gehauene Treppe nach unten. Ich folgte ihr einfach, was sollte mir schon passieren, und stieg Hunderte von Stufen in eine völlige, aber nicht bedrohlich wirkende, Finsternis. Dann ertasteten meine ausgestreckten Hände etwas Glattes aus Holz. Eine Vertäfelung? Eine Tür? Ich suchte nach etwas wie einem Knauf. Fand ihn. Drehte ihn. Die Tür sprang auf. Ein Lichtschein, leuchtend gelb und warm wie die Sonne, blendete mich. Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir.
In der Ferne hörte ich Musik. Kindergesang oder ein Blasinstrument oder Windgeheul? Immer das, woran ich gerade dachte. Ich beschloss, an Strauss zu denken. Johann Strauss. Der Donauwalzer schien mir angemessen.
Im Rhythmus dieser Klänge, die wie von einem omnipräsenten Orchester gespielt den Raum ohne sichtbare Wände erfüllten, wedelte ich mit den Armen, als wäre ich ein Vogel. Ich war auch nicht überrascht, als ich mich sogleich in die Luft erhob und schwebte. Verträumt drehte ich ein paar Runden, der Boden unter mir glühte in unzähligen gold-, bronze- und messingfarbenen Tönen, und ich flog übermütig einen Looping. Dann ließ ich mich auf die Seite fallen, streckte die Arme weit von mir und schoss wie ein Kamikaze nach unten. Erst im letzten Moment ging ich wieder in die Horizontale, glitt anmutig wie ein Albatros knapp über dem Boden entlang und setzte schließlich, als wäre dies mein tausendster Flug, gekonnt auf den Füßen auf.
Mit einem Mal stand Thomas neben mir. Ich hatte ihn einst sehr gemocht, aber leider nie näher kennengelernt, verschiedene Umstände hatten mir das verboten, und inzwischen hatte ich ihn sogar nahezu vergessen, aber nun war er hier – und sagte: "Du fliegst, wie du Auto fährst."
"Das sitzt dir wohl immer noch in den Knochen, was?", spielte ich auf das eine Mal an, das wir miteinander gefahren waren. Das Mal, als ich ihn nach Hause gebracht hatte, mit 90 durch die Innenstadt. Das Mal, als ich ihm gesagt hatte, was ich für ihn empfinde, im selben Atemzug - und ohne ihn zu Wort kommen zu lassen - hinzufügte, dass das mit uns nicht ginge, dass es einfach der falsche Zeitpunkt sei, und ich dass hoffte, dass wir trotzdem bei Gelegenheit miteinander einen Kaffee trinken gingen. Er lehnte ab. Heute verstehe ich das. Ich hätte mich an seiner Stelle nicht anders verhalten.
"Du schuldest mir noch einen Kaffee", sagte er, als habe er meine Gedanken gelesen. "In der Höhle nebenan gibt es einen Beduinen. Dort bekommen wir den besten Kaffee, den es gibt."
Ich war einverstanden. Und wunderte mich, wieso er mir plötzlich so gegenwärtig war. Wo mir doch sonst nahezu alles egal … gewesen … und noch war.
"Fliegen oder gehen?", zwinkerte Thomas mir zu.
"Gehen", zwinkerte ich zurück.
Das Schlimme am Glück ist, dass man es kaum wahrnimmt, wenn es einem widerfährt. Gut, wenn man nur ein bisschen Glück hat, dann begreift man das schon, aber wenn es ein wahrer Glückssturm ist, der einen mitreißt wie ein Hurrikan und in sich aufschleudert, dann ist das zu viel - dann kann man es nicht fassen. Darum versuchte ich es wohl gar nicht erst. Ich nahm einfach alles, wie es war. So hatte ich das auch zu Lebzeiten gemacht; in meinen letzten Jahren.
Der Beduine war beduinenmäßig gastfreundlich und begann mit der Zubereitung des Kaffees. Eine Prozedur, die lange dauerte und Thomas und mir viel Zeit gab, uns auszusprechen. Ich sagte ihm, dass es damals eben einfach eine ungünstige Zeit war, erklärte ihm, in langen Darlegungen, warum, gestand schließlich, dass ich mir auch nicht sicher gewesen war und angst hatte, am meisten davor, dass er mir das Herz bricht. Er gab zu, dass das berechtigt gewesen sei, dass er sich genauso wenig sicher gewesen war, mich zwar sehr gemocht hatte, aber in gewisser Hinsicht auch eher neugierig gewesen sei, insgesamt geschwankt habe, dass aber unser Gespräch auf jener Fahrt ihm endgültig allen Wind aus den Segeln genommen und er sich darum auch weiter vorzustoßen nicht mehr getraut habe. Und dann sahen wir uns an und lachten und sagten gleichzeitig: "Wir waren ganz schön dumm." Und wieder lachten wir.
Der Beduine brachte uns den heiß dampfenden Kaffee und setzte sich zu uns. Schweigend genossen wir das stark gesüßte, schwarze Getränk. Nach einer Weile fragte der Beduine: "Habt ihr sonst keine Wünsche - außer dass ihr euch hier wiederseht und Kaffee trinkt?"
Wir sahen uns an, schüttelten einvernehmlich die Gesichter und der Bedu meinte: "Kein Wunsch für zu Hause? Geld, beruflichen Erfolg oder ein schönes Haus?"
Nein, hatten wir nicht. So, wie es jetzt war, waren wir zufrieden. Dann fiel mir ein, was das Kätzchen gesagt hatte, und ich fragte vorsichtig: "Vielleicht ... Wenn ich kurz mit Gott reden dürfte. Über nichts Bestimmtes, aber kennenlernen würde ich ihn schon ganz gerne."
"So", nickte der Bedu. "Was stellst du dir denn vor, wie er sein könnte?"
Ich zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. So wie du vielleicht."
Da formten sich die vollen Lippen des Bedu zu einem breiten Grinsen, und er nickte. "Ja. Vielleicht."
Und wieder tranken wir von dem Kaffee, und plötzlich schmeckte der noch aromatischer, noch süßer, und ich wünschte, die Tasse würde sich wieder füllen, um diesen Moment noch ein bisschen genießen zu können, und sie füllte sich, und ich trank und musterte dabei den Bedu und dann Thomas, und in meinem ganzen Leben hatte es keinen Moment gegeben, in dem ich so glücklich gewesen war. Dann wünschte ich mir, dieses Glück mit jeder Faser meines Körpers genießen zu können, und es begann, mich zu durchfließen wie Blut, und mir wurde warm, ich spürte ein heißes Kribbeln, meine Seele schien vor Freude zu hüpfen, ich musste weinen, so schön war dieses Gefühl, und alles, was ich mir je unter dem wahren Glück vorgestellt hatte, fand ich nun bei einer Tasse Kaffee, einem Menschen, den ich selbst im Tode nicht ganz vergessen konnte und Gott an meiner Seite.
Da erkannte ich, dass ich die Tür zur Glückseligkeit durchschritten hatte.
Die Wand hinter dem Spiegel war nur geringfügig heller als der Rest des Badezimmers. Ich beschloss, einen neuen, kleineren Spiegel an diese Stelle zu hängen, einen runden vielleicht, nicht größer als ein Teller, und mit schöner, goldgelber Farbe einen Rahmen außen herum zu malen. Zufrieden mit dieser Idee ging ich in die Küche und kochte mir einen Kaffee.
Plötzlich dachte ich an Thomas. Ich hatte lange nicht an ihn gedacht, aber mit einem Mal war er mir präsent, als hätte ich ihn vor einer Stunde erst gesehen. Und ich verspürte den Drang, ihn wiederzusehen. Da griff ich zum Telefon und rief ihn an ...