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Abends, der lange Tag war müde

 
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Melusine




Alter: 45
Angemeldet seit: 22.11.2006
Beiträge: 3353

Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 23.Nov.06 01:01 Nr: 59    Titel:  Abends, der lange Tag war müde

.


Abends, der lange Tag war müde, ich dämmerte schon, betrat mich meine erschöpfte Wohnung, die Tür ließ mich achtlos hinter sich zufallen, der Schlüssel hatte gerade noch die Kraft, mich im Schloß herumzudrehen.
Meine Jacke streifte mich im Gehen ab, im Wohnzimmer ließ sich ein Sessel auf mich sinken, und meine Schuhe schleuderten mich in die Ecke – ah, endlich, tat das gut, die engen Füße loszuwerden.
Nach ein paar Minuten stand der Kühlschrank stöhnend auf, kam in die Küche und holte mich aus einer Flasche Bier. Die Bestecklade kramte in mir herum, wurde allmählich ungeduldig ... ach ja, da drüben lag ich ja. Der Flaschenöffner seufzte erleichtert, und der Kronenkork entfernte mich zischend. Ein Glas suchte mich vergeblich im Schrank; Berge schmutzigen Geschirrs streiften mich mit etwas ratlosen Blicken. Endlich entdeckte mich ein Glas. Appetitlich sah ich nicht gerade aus.
Unentschlossen drehte mich der Wasserhahn auf und das Glas hielt mich darunter. Dann besann sich die Bierflasche eines besseren und setzte mich durstig an die Lippen. Mmmh!
Ich knarrte leise, als sich einer der beiden Küchenstühle auf mich setzte. Der andere wollte sich gerade auf meine Füße legen, da fiel den Zigaretten ein, daß die Jackentasche immer noch in mir steckte. Wo hatte die Jacke mich bloß hingeschmissen? Im Wohnzimmer vielleicht? Ja, richtig, da war ich. Die Sessellehne hing über mir. Müde hängte mich der Garderobenhaken auf.
Der Aschenbecher fand mich angeräumt und staubbedeckt auf dem Couchtisch. Natürlich war ich randvoll. Als er mich ausleerte, fluchte der Mistkübel leise vor sich hin, weil ich wieder einmal überquoll. Außerdem stank ich bestialisch. Daran waren sicher die Essensreste schuld, die mich gestern vergammelt im Kühlschrank gefunden und weggeworfen hatten.
Probehalber schaltete mich das Radio ein, aber als ich begann, Tagesmeldungen von mir zu geben, drehte es mich sofort wieder ab. Ich lag neben dem Radiorekorder herum, ein paar Kassetten musterten mich flüchtig, eine davon legte mich eher wahllos ein, die Play-Taste drückte mich, die ersten Klänge horchten kurz, waren zufrieden und begannen sich langsam zu entspannen.
Bierflasche und Aschenbecher stellten den Tisch auf mich, Zigaretten und Feuerzeug legten mich daneben, der breite Stuhl ließ sich schwer auf meinen wackeligen Hintern fallen und ignorierte mein protestierendes Knarren. Dann legte sich der schmerzende Stuhl bequem auf meine zweiten Füße, das Feuerzeug griff nach mir und eine Zigarette steckte mich an.
Der Stuhl saß jetzt ganz gelöst auf mir, die Musik genoß mich. Tschaikowski. Er mag mich, vor allem wenn er müde und deprimiert ist. Ich muntere ihn zwar nicht gerade auf, bringe ihn manchmal sogar zum Weinen, aber das war genau das, was er jetzt brauchte.
Das Bier nahm einen kräftigen Schluck, rülpste diskret und wischte sich die Lippen. Die Zigarette drückte den Aschenbecher im Rest von mir aus. Die Brotdose öffnete mich, stellte fest, daß noch genug von mir da war, und fragte sich, ob sie hungrig sei. Aber als der Kühlschrank flüchtig in mich hineinsah, entdeckte er nur gähnende Leere. Trocken wollte mich das Brot auch nicht essen, also ließ es das bleiben.
Das Bier hatte mich mittlerweile geleert, und der Kühlschrank holte mich aus einer neuen Flasche. Der Flaschenöffner hatte mich schon wieder verlegt, fand mich aber schließlich nach einigem Suchen neben den schmutzigen Frühstückstassen. Die Flasche öffnete mich und trank mich fast auf einen Zug aus.
Ich war inzwischen schon fortgeschritten, der Abend war müde, gähnte herzhaft und dachte so langsam ans Schlafengehen.
Der Badezimmerspiegel warf einen kurzen Blick in mich, meine Zähne beschlossen, mich heute nicht mehr zu putzen, das Klo ging noch rasch auf mich, dann zogen mich meine Kleider aus, ließen mich achtlos irgendwo auf den Boden fallen, das Schlafzimmerfenster riß mich für ein paar Minuten auf, dann plumpste das Bett auf mich, die Decke zog mich bis zum Kinn, das Licht schaltete mich aus und ich übermannte den Schlaf.



(geschrieben im März 1999 und grade auf meiner Festplatte gefunden ....)

Achtung giftig - bitte nicht füttern!


Re: Abends, der lange Tag war müde Zefira, 18.11.06, 23:37

Ach ja, der Text las mich mit Vergnügen.

Irgendwann, als ich so ungefähr 18 war, sagte mein Bruder mal zu mir: Ei, du lebst ja gar nicht, du lässt dich leben. Wahrscheinlich hat mich an diesem Tag auch ein Bier getrunken und ein Text geschrieben.

Filosofische Grüße
Zefira




--
"demente reagieren sehr positiv auf kaniggel." (bonanza)


Re: Abends, der lange Tag war müde Melusine, 19.11.06, 21:50

Hi Zefira, schön, wenn es dir Vergnügen bereitet hat
Um ehrlich zu sein: Ich hatte diesen Text ganz vergessen und als ich ihn jetzt wiederfand musste ich beim Lesen so viel lachen, dass ich gar nicht dazu kam, nach möglichen Fehlern zu suchen. Vielleicht ist er ja gar nicht so witzig, ich weiß es nicht ... aber mich munterte er momentan auf.


Mel

Achtung giftig - bitte nicht füttern!
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Das Eigentümliche bei Adorno ist, dass man nie recht weiß, was er eigentlich will.
(Hanns Eisler)


Zuletzt bearbeitet von Melusine am 02.Sep.07 23:52, insgesamt 2-mal bearbeitet
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Gast










BeitragVerfasst am: 24.Nov.06 23:22 Nr: 345    Titel:  

es ist wunderbar verdreht...... und macht Freude zu lesen

morgen wird es sich meinen Kindern vorlesen

während ein Bier mich trinkt
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Melusine




Alter: 45
Angemeldet seit: 22.11.2006
Beiträge: 3353

Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 25.Nov.06 11:18 Nr: 358    Titel:  

Very Happy
Siehst du, da hab ich noch geraucht...
Musst mir dann mal erzählen, wie es deinen Kindern gefallen hat, grins.
Mel


P.S.: Oh, übrigens fiel mir gerade ein, dass die Datierung 1999 wahrscheinlich nicht stimmt, der Text müsste älter sein. Hab nur das Datei-Datum. Na ja, egal.
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Gast










BeitragVerfasst am: 25.Nov.06 13:40 Nr: 368    Titel:  

so ich habe es nun ausgedruckt und dann vorgelesen.... ab heute werden wir wohl einige Tage damit verbringen ebenso verdreht zu sprechen... meine Kinder haben sich also angesteckt..

"die Milch versuchte mich aus dem Gefriefach zu befreien in dem ich festklebte, da die Pfanne schon erhitzt darauf wartete das die Pfannkuchen mich backen ..

geschafft... dann griff der Comupter nach mir um mich anszuschalten ich fuhr hoch mit lautem summen

und die Nachricht schrieb mich nieder während mit lauten klappern die Tastatur auf mich einhackte.... "

"Vivian"
...

herzlich gelacht die Idee hat Ihnen sehr sehr gut gefallen wie Du siehst..

ja Sie fanden es sogar Genial...

Lg
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Gast










BeitragVerfasst am: 27.Apr.07 21:05 Nr: 6703    Titel:  

Liebe Mel,

was für eine klasse Textidee! Ich habe deine Zeilen fasziniert verschlungen!

Liebe sehr müde Grüße von no-name.
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Melusine




Alter: 45
Angemeldet seit: 22.11.2006
Beiträge: 3353

Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 27.Apr.07 21:36 Nr: 6704    Titel:  

Grins. Danke!
Damals hatte ich's noch nicht so mit Überarbeitungen. Ist ein alter Text. Es machte beim Schreiben Spaß, das weiß ich noch. Jetzt freut's mich auch nicht so recht, noch mal drüberzugehen. Es würde auch nicht passen - weil ich mich momentan nicht in die damalige Stimmung versetzen könnte.

Danke fürs Ausgraben *gg*
Mel
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(Hanns Eisler)
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Gast










BeitragVerfasst am: 28.Apr.07 07:26 Nr: 6707    Titel:  

Ich würde den Text gar nicht überarbeiten, Mel.
So wie er hier drin steht, hat er nach meinem Empfinden Witz und Charme.

Noch immer müde Grüße von "Schniefnase" no-name.
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