animus

Alter: 58 Angemeldet seit: 23.11.2006 Beiträge: 219 
Wohnort: Mülheim/Ruhr
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Verfasst am: 23.Nov.06 11:37 Nr: 66 Titel: Alice |
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ALICE
Kurzgeschichte zum Thema Wahnsinn
Sie fühlte sich nicht besonders gut.
Ihr Kopf schien vor Schmerzen zu zerspringen, das Aufstehen fiel ihr schwer - und dann war da noch dieser Besuch, der sich gestern telefonisch angekündigt hatte. Heute wollte er kommen.
Sie setzte sich in ihren Lieblingssessel und lauschte dem Ticken der Uhr. Immer, wenn sie mit etwas Neuem konfrontiert wurde, neue Aufgaben lösen musste, suchte sie Hilfe in diesem Geräusch, welches ihr das Gefühl von Ruhe gab, und dachte nach. Sofern sie es konnte.
Wer war dieser Mann, der sie gestern angerufen hatte ?
„Ich komme morgen zu Besuch“, hatte er gesagt.
Seine Stimme hatte sie nicht erkannt. Die Stimmen aus ihrer Vergangenheit kannte sie nicht. Sie kannte nicht einmal sich selbst; und was man ihr erzählte, vergaß sie meistens wieder.
Um drei Uhr wollte er kommen. „Zum Tee“, hatte er gesagt.
‚Um drei mache ich doch immer meine Wäsche’, erinnerte sie sich kurz.
Tee musste sie kochen, sie musste die Tür aufmachen, wenn es klingelte.
Sie musste ruhig bleiben, wenn der Besuch in der Tür stand - und vor allem durfte sie keine Angst vor ihm bekommen. Die Angst war es, die ihr die meisten Sorgen bereitete. Sie fürchtete sich vor fremden Gesichtern, egal ob sie angelächelt oder angestarrt wurde. In dieser Stimmung konnte sie gefährlich werden. Jedem. Das wusste sie, das hatte man ihr oft genug gesagt. Sie war unberechenbar in ihren Angstzuständen. Ohne es zu wissen, konnte sie jemandem einen Gegenstand über den Kopf schlagen. Ein paar Sekunden danach würde sie dastehen und ihr Verhalten nicht erklären können.
Sie schaute auf die Uhr. Das hatte sie wieder gelernt - die Zeit zu lesen.
Sie lernte, den Tag in Stunden und Minuten aufzuteilen um sich danach ein Raster für ihre kleinen Tätigkeiten zu schaffen, aber die Bedeutung der Zeit hatte sie noch nicht begriffen. Sie meinte, sie würde nur ihr gehören - nicht den anderen auch. Ihr bester Freund und Ratgeber war sie geworden, verlieh ihr das Gefühl von Sicherheit. Nur sie alleine führte sie durch ihr zerwühltes Leben.
Erschöpft stand sie vom Sessel auf und ging langsam, noch in Gedanken vertieft, zu ihrem Spiegel. Ungeschickt strich sie mit den Händen über ihr Kleid, drehte sich einmal um die Achse, um zu sehen ob auch hinten alles in Ordnung war, und zupfte ein paar Mal an ihrem Haar. Anschließend ging sie in die Küche, füllte den Kessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Die Herdplatte schaltete sie nicht ein.
Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie zusammen mit dem Zucker und den kleinen Löffeln auf ein Tablett. Noch ein letzter kontrollierender Blick durch die Küche - sie war mit sich zufrieden. Alles war an seinem Platz.
Der Gong an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
Sie strich noch einmal mit den Händen über ihr Kleid, versuchte, sich zu konzentrieren, und ging auf die Tür zu. Für einen Augenblick verharrte sie. ‚Bloß keine Angst haben’, dachte sie, [K] legte die Hand auf die Klinke und zog die Tür an sich. Vor ihr stand ein Mann mit grauem Haar, der sie anlächelte - weiße Rosen in der einen Hand, in der anderen eine Tasche. Mehr sah sie nicht.
„Guten Tag, Alice. Ich habe angerufen, dass ich dich heute Nachmittag besuchen komme“, sagte er. „Kannst du dich erinnern?“
‚Er redet so schnell, warum lässt er mir keine Zeit für eine Antwort?’, wunderte sie sich.
„Guten Tag“ - sie machte einen Schritt zurück und lud ihn mit einer Handbewegung ein, hereinzukommen. ‚Wer ist dieser Mann? Was will er von mir?’, fragte sie sich, während sie die Tür schloss.
Sie war überrascht. Der Mann ging, ohne zu warten und ohne zu fragen, direkt auf die Küche zu. Er wusste genau, wo sie kochte. Er wusste, welche Tür er aufmachen musste, und er wusste, wo ihre große Blumenvase versteckt war. Ohne zu überlegen griff er hinter den Karton, der in der Ecke stand, holte die blaue Vase hervor, ließ Wasser einlaufen, löste das Rosengebinde und arrangierte geschickt den Strauß in dem Glasgefäß.
Sie stand in der Küchentür und beobachtete ihn dabei. ‚Er kennt meine Wohnung. Woher nur?’
Seltsamerweise verspürte sie keine Angst, wie bei anderen Fremden. Im Gegenteil, sie empfand eine Art Erleichterung, innere Zufriedenheit. Seine Art kam ihr vertraut vor, die Gangart, die Armbewegungen - einfach die ganze Gestik.
Er setzte sich auf die Bank hinter dem Küchentisch und schaute sie an. Das verunsicherte sie. Ihr war, als ob er erwarten würde, dass sie etwas sagte. Verlegen nahm sie den Teekessel vom Herd und goss vorsichtig die Tassen voll. Als sie merkte, dass sie nur kaltes Wasser eingeschenkt hatte, wusste sie, dass irgendetwas nicht stimmte, ohne sagen zu können, was es war. Sie setzte sich neben ihn.
„Was stimmt mit diesen Tassen nicht?“, versuchte sie laut ihre Gedanken zu ordnen. Vergaß ganz, dass sie nicht alleine war, dass er, den sie nicht kannte, neben ihr saß. Ihn zu fragen traute sie sich nicht. Sie hatte Angst vor Antworten. Verunsichert ballte sie ihre Hände zu Fäusten und grub die Fingernägel in ihre Handflächen, bis sie den Schmerz fühlte. Aus Gewohnheit hielt sie den Atem an um sich besser konzentrieren zu können. Ein Versuch, die Furcht zurückzudrängen, die in ihr hochstieg.
Er schien ihren Kampf mit sich selbst nicht zu bemerken. Unbekümmert legte er die Tasche neben sich, nahm einen Schluck von ihrem Tee und holte ein Fotoalbum heraus.
Liebevoll schlug er es auf und schob es langsam in ihre Nähe. Bilder von Kindern und Erwachsenen, sie spielten auf einer Wiese, saßen im Sand. Sie sah ein kleines Mädchen auf seinem Fahrrad, das fröhlich lachte. Auf anderem Bild eine junge Frau mit zauberhaftem Lächeln, Hand in Hand mit einem jungen Mann, der sie liebevoll anblickte.
Viele Menschen sah sie - und kannte keinen einzigen.
‚Wer sind alle diese Leute und diese – fröhliche Kinder?’ fragte sie laut.
Überrascht, über ihre klare Frage, blickte der Mann hoffnungsvoll in ihre Augen, aber in gleichem Augenblick sah er, dass es nichts zu bedeuten hatte. Nichts sagten ihr diese Bilder, nichts regte sich in ihrem Kopf, kein Hauch einer Erinnerung kam in ihr auf.
Sie saßen über eine Stunde am Tisch, der Mann blätterte Seite für Seite im Album um. Er erzählte ihr zu vielen Bildern eine kleine Geschichte über die Zeit, in der sie entstanden waren. Über die Gegend, über die Menschen, die sie alle sehr geliebt haben sollten. Als er das Album schloss und wieder in seine Tasche steckte, sah sie seine Traurigkeit. Die fröhliche Ausstrahlung, die sie ihm angesehen hatte, als er kam, war verschwunden. Das Gesicht war müde und traurig geworden, die Augen leer.
Doch sie machte sich keine Gedanken deswegen. Sie kannte diesen Blick von ihrem Spiegelbild.
Schwerfällig stand er auf, sah sie an. „Ich werde wieder gehen, danke für den ausgezeichneten Tee.“
Er nahm seine Sachen und ging genauso sicher den Weg zurück, wie er hereingekommen war. Bevor er die Wohnung verließ drehte er sich nochmals um, nickte kurz zum Gruß und schloss die Tür hinter sich. Sie hörte seine Schritte im Flur, als er die Treppe hinunter ging, und wie die Haustür ins Schloss fiel.
Endlich war sie wieder allein. So fühlte sie sich wohler, wenn kein Fremder in ihrer Nähe war.
Ein Klingeln in der Küche brachte sie wieder in ihren Alltag zurück. Fünf Uhr. Um fünf trank sie jeden Tag ihren Tee und aß dazu ein Stück Marzipanschokolade. Sie liebte Marzipanschokolade.
Auf dem Parkplatz vor dem gelben Haus stieg ein grauhaariger Mann in einen Wagen, legte seine Tasche auf den Rücksitz, setzte sich hinter das Lenkrad und starrte nach vorne durch die Windschutzscheibe.
„Nichts hat sie erkannt, gar nichts, Fremde sind wir für sie“, sagte er zu seiner Frau. Regungslos, nach vorne schauend, hörte sie ihn an. Sie weinte nicht, weinte schon lange nicht mehr. Hatte es längst aufgegeben, diese hoffnungslosen Versuche, ihre Tochter wieder zurück ins Leben zu bringen.
Mit Tränen in den Augen ließ er den Wagen an und fuhr die gelbe Mauer entlang, hinter der seine einzige Tochter mit ihrer Zeit lebte. Nach ein paar hundert Metern hielt er an einer Ampel, schaute wehmütig nach rechts und bog links ab. Der grauhaarige Mann fuhr zum nahe gelegenen Motel, das er mit seiner Frau schon seit einem Jahr bewohnte. Zweimal die Woche hoffte er an dieser Kreuzung, endlich nach rechts abbiegen zu können. Heim.
[©animus]
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Komms
oh,
gefällt mir gut geschrieben
lg brigitte
Dani
Mitglied
Beiträge: 200
Ort: Bielefeld
Erstellt: 13.11.06, 20:54 Betreff: Re: Alice drucken weiterempfehlen
Hallo Animus,
eine gute Geschichte.
Ich würde sie hier und da noch ein bisschen straffen. Die Einleitung bspw. Da hast du eine Menge Details, die zwar einstimmen und somit auch wichtig sind, aber das betrifft meiner Meinung nach nicht alle Sätze.
Zitat:
Sie konnte sich an niemanden erinnern. Ihre ganzen Erinnerungen waren weg. Sie kannte nicht mal sich selbst, und was man ihr erzählte, vergaß sie meistens wieder.
Das finde ich zu viel, weil es übertrieben ist. Du willst ja die Stimmung eher zwischen Zeilen ausdrücken und nicht so konkret darauf hinweisen.
Zitat:
Sie schaute auf die Uhr. Das hatte sie wieder gelernt, die Zeit zu lesen.
Sie lernte den Tag in Zeit aufzuteilen und sich danach ein Raster für ihre kleinen Tätigkeiten zu schaffen, aber die Bedeutung der Zeit hatte sie noch nicht begriffen. Sie meinte, die Zeit würde nur ihr gehören und nicht den anderen auch.
Die Zeit war ihr bester Freund und Ratgeber, gab ihr Sicherheit. Die Zeit führte sie durch ihr zerwühltes Leben.
Diesen Teil finde ich sehr gut. Man kann sich vorstellen, was gemeint ist.
Zitat:
Erschöpft stand sie vom Stuhl auf, und noch in Gedanken vertieft ging sie zu ihrem Spiegel. Sie strich mit den Händen über ihr Kleid, drehte sich einmal um die Achse um zu schauen ob hinten auch alles stimmt, und zupfte ein paar mal an ihrem Haar.
Das wiederum verstehe ich nicht ganz. In meinen Augen bringt es die Geschichte nicht voran, ist somit etwas überflüssig.
Bis zu dem Satz, an dem sie anfangen, die Bilder anzuschauen, finde ich es wieder sehr gut, die Sätze sitzen, es bleibt spannend. Dann flacht allerdings der Spannungsbogen etwas ab. Könntest du zum Ende hin nicht etwas mehr mit Andeutungen arbeiten? Ein schlichtes "Der grauhaarige Mann setzt sich hinter das Steuer. 'Sie erkennt uns nicht. Unsere Tochter erkennt uns nicht', sagte er zu seiner Frau und startete den Motor." würde mir hier reichen.
Du triffst nicht mehr den andeutenden Tonfall der ersten zwei Drittel.
Das fürs erste.
LG, Dani
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"ich tarne meine faulheit nicht mit doofen aktivitäten" (bon)
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Burana
Mitglied
Beiträge: 30
Ort: Ingolstadt
Erstellt: 13.11.06, 22:52 Betreff: Re: Alice drucken weiterempfehlen
Mir gefällt die Geschichte auch sehr gut, animus. Dani's Vorschläge finde ich, sind gute Denkanstöße. Das Thema hast Du unglaublich feinfühlig bearbeitet - wobei schon allein dieses Wort hier völlig unpassend und hart ist...
Doch, ich denke, es lohnt sich, dass Du Dir den Text noch einmal vornimmst. Du hast ein Händchen für eine so sensible Thematik.
Liebe Grüße, Burana
Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet. Arthur Schopenhauer
Animus
Erstellt: 18.11.06, 09:50 Betreff: Re: Alice drucken weiterempfehlen
Guten Morgen Dani,
ich danke für deine aufmerksamkeit was „Alice“ betrifft.
Diese geschichte werde ich bestimmt noch überarbeiten und somit ist mir jede
regung seitens eines lesers willkommen.
Wobei die kommetare eines lesers und eines lesendes autors unterschiedlich bewertet werden müssen.
Was dem einem zuviel ist, ist für den andern zuwenig, ein ständiges dilema.
„Alice“ lebt und wird fortgestzt, mal sehen.
liebe grüße
animus |
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