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| Neoliberal :: Der letzte Zwanzigeuroschein |
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EMJu

Alter: 40 Angemeldet seit: 04.01.2009 Beiträge: 600 
Wohnort: Stuttgart
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Verfasst am: 02.Nov.09 20:09 Nr: 19569 Titel: Hexenkreis |
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Die Augen konzentriert auf den laubbedeckten Boden gerichtet, fast schon blind vom Gelb und Rot und Braun der Blätter, von dem sich die ebenso gelben und rötlichen und braunen Pilzkappen kaum unterscheiden, wenn sie nicht schon über den Blätterteppich hinausragen und nur die weißen sich durch ihr helles Schimmern verraten, stapfe ich seit Stunden durch den Herbstwald, alleine, nur Bäume, Vögel, Krabbeltierchen und ich, und spüre den schwer gewordenen Korb in meinen Arm schneiden, mir sagen, dass es genug ist für heute, dass ich noch Stunden damit beschäftigt sein werde, die ganzen Pilze zu waschen, kleinzuschneiden und dann einzumachen, und dass ich mit jeder Stunde, die ich weiter verstreichen lasse, den Würmern nur noch mehr Zeit gebe, sich weiter in das Pilzfleisch zu bohren, bis hinauf in die Kappen ihre braunen Bahnen zu ziehen, die sie allein mit ihren gefräßgen Mäulern schaffen und nicht aufgeben, obwohl sie schon jetzt dem Tod geweiht sind, jenem unvermeidlichen Wurmtod, der sie unbarmherzig in meiner Küche ereilen wird, heimsuchen in Form meines Messers, jeden einzelnen von ihnen werde ich bis in die Ränder der Pilzhüte verfolgen dort herausschälen, das Fleisch der Frucht von ihnen reinigen, befreien und dabei große Freude empfinden, auch wenn ihnen das kochende Wasser ohnehin ihr Ende bereiten würde, aber wer will schon Würmer essen, bzw. wer will schon wissen, dass er Würmer isst, und da außer mir von diesen Pilzen niemals jemand kosten wird, ist es wichtiger als alles andere, die Würmer zu entfernen, denn andernfalls würde ich mich nicht überwinden können, diese Pilze zu essen, wobei ich eigentlich gar keine Pilze mag, ich sammle sie nur gerne, und alles was dann kommt, das Säubern, das Zubereiten, das Haltbarmachen und schließlich der Verzehr, habe ich mir nur deshalb zur Pflicht gemacht, weil ich gelernt habe, Lebensmittel nach Möglichkeit niemals wegzuwerfen, so, wie ich auch bewusst mit Energie umgehe und selbst meine Gefühle nicht vergeude, was letztendlich vermutlich der Grund ist, warum ich nun schon seit so vielen Jahren alleine lebe, ohne Aussicht auf Änderung, ohne Hoffnung auf ein Herz, das sich für mich erwärmen mag, bin ich doch bekannt für meine Schrulligkeit und gefürchtet wegen meiner Sparsamkeit, meinem Geiz, wie die Leute sagen, dabei bin ich gar nicht geizig, ich gebe nur nichts aus für Dinge, die ich nicht benötige und brauche im Grunde nicht viel um zu leben, weswegen ich ein gutes Auskommen mit der kleinen Rente habe, die mir seit einigen Jahren überwiesen wird und von der ich nur wenig für Medizin oder sonstige lebensnotwendige Dinge verbrauche, schließlich bin ich nur äußerst selten krank, vermutlich, weil ich mich abgehärtet habe, im Winter nur wenig heize, mich mit kaltem Wasser wasche und außer selbstgepflückten Kräutertees und Wasser aus dem Bergbach nichts trinke, keine Limonaden, keinen Alkohol und keinen Kaffee, denn Kaffeebohnen wachsen hier nicht, im Gegensatz zu dem Tabak, den ich für mich anbaue, und dessen Ernte mir ein Jahr lang reicht, um mir, geschnitten und in Zeitungspapier gerollt, gelegentlich ein kleines Vergnügen zu bereiten, vielleicht das einzige außer dem Pilzesammeln und Würmertöten und dem Gärtnern in meinem Gemüsebeet, dessen Erträge ausreichen, um selbst einen langen Winter gut überdauern und das mir nicht so viel Mühe macht wie das Holzhacken, das Pumpen des Wassers aus meinem vor vielen Jahren selbstgegrabenen Brunnen oder das Waschen meiner wenigen Kleidungsstücke im eiskalten Bach, der neben meiner Holzhütte entlangläuft, wegen dem ich sie überhaupt genau an diesem Platz errichtet habe und nicht, wie manche im Dorf behaupten, weil du unter ihrem Fundament liegst, seit du vor fünfzehn Jahren plötzlich verschwunden warst, einfach nicht mehr nach Hause kamst nach deinem letzten Kneipengang, einem von hunderten, unser ganzes Geld hast du in das Wirtshaus getragen, es verspielt, versoffen, in den weiten, prall gefüllten Ausschnitt der Wirtin gesteckt, sauer verdientes Geld das ich mit meinen Händen und im Schweiße meines Angesichts erarbeitet habe, denn du hast ja lang schon nicht mehr gearbeitet, warst Frührentner, nachdem der Riegerbauer dich bei der Weizenernte betrunken mit dem Traktor über den Haufen gefahren hat und du den rechten Arm verlorst, zu Saufen begannst und das Unglück, in dessen Folge wir uns auseinanderlebten, seinen Lauf nahm, ich deine Welt nicht mehr verstand und du meine nicht mehr betreten wolltest, bis ich nicht mehr konnte und es an jenem Abend tat, aber ich habe dich nicht erschlagen und unter der Hütte verscharrt, wie manche Leute behaupteten, sondern im Bach ersäuft, und du hast dich gewunden, hast einfach nicht verrecken wollen, dabei warst du so besoffen, dass ich dachte, es würde ganz schnell gehen, doch du hast gezappelt, um dich geschlagen wie wahnsinnig, bis dann endlich dein Schlagen zu einem Zucken verkam, die Kraft aus dir floss und mit dem Bach davonrann und irgendwann deine wütenden Arme leblos zu Boden sanken, jenen laubbedeckten, Schreie schluckenden Boden, in dem dich später die Würmer gefressen haben, nicht weit von hier, die Stelle habe ich mit einem Kabelbinder markiert, ihn um den Zweig eines Strauches gebunden, und manchmal gehe ich noch dorthin, nur um ein bisschen bei dir zu sein und auf dich zu schimpfen, weil du mir unser Leben zerstört hast, mich einsperrtest in dieser Hölle von einer Ehe, aus der ich nur hätte entkommen können, wenn ich mich umgebracht hätte, das hast du mir jedenfalls immer vorgeschlagen, anders, so hast du gesagt, würde ich dich nicht los, aber da hast du dich getäuscht, und auch wenn ich nie mehr glücklich geworden bin, so gehe ich doch heute hier Pilze suchen und du lieferst ihren Nährboden, und da, wo du liegst, wächst seit Jahren ein Hexenkreis. _________________ Tempora mutantur, nos et mutamur in illis |
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Der Ohrenschützer

Angemeldet seit: 14.02.2008 Beiträge: 526 
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Verfasst am: 02.Nov.09 23:30 Nr: 19573 Titel: |
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Hubs! Das las ich doch grad andernorts!
Hier gilt natürlich selbiges.  _________________ Der Ohrenschützer |
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Ich bin zwei Öltanks

Angemeldet seit: 28.11.2007 Beiträge: 1151 
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Verfasst am: 03.Nov.09 00:12 Nr: 19574 Titel: |
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Verstehe.
Ihr wollt mich ausgrenzen.
Nur zu. Ich will gar nich in euren kleinen, geheimen "Andernorts"-Club.
Bin ich viel zu gut für. Damit ihrs wißt. |
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Melusine

Alter: 45 Angemeldet seit: 22.11.2006 Beiträge: 3148 
Wohnort: Wien
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Verfasst am: 03.Nov.09 00:38 Nr: 19575 Titel: |
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Tse!
ICH WILL DAS GAR NICHT WISSEN, was die in ihrem Geheimclub treiben!
Komm, Knuddelgnom, wir machen uns jetzt unsern eigenen Geheimclub. Wär doch gelacht!
Ups, wir ham ja schon einen. Gips den noch?  _________________ Das Eigentümliche bei Adorno ist, dass man nie recht weiß, was er eigentlich will.
(Hanns Eisler) |
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Ich bin zwei Öltanks

Angemeldet seit: 28.11.2007 Beiträge: 1151 
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Verfasst am: 03.Nov.09 03:04 Nr: 19576 Titel: |
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Sicher. Totkaputte leben länger.
Der Papierflieger zum Beispiel ist zu. "Vielleicht vorübergehend".
Mir erzählt ja keiner was ...
Oh ... ja ... Emu ... ganz nett. |
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Melusine

Alter: 45 Angemeldet seit: 22.11.2006 Beiträge: 3148 
Wohnort: Wien
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Verfasst am: 03.Nov.09 04:21 Nr: 19577 Titel: |
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Häh?
Naja.
Was mach ich eigentlich noch hier? Wieso bin ich nicht müde? Wieso fühlt es sich an als wärs Tag und bloß dunkel? Sehr merkwürdig.
Ich sollte glaub ich jetzt schlafen, egal ob ich müde bin oder nicht. _________________ Das Eigentümliche bei Adorno ist, dass man nie recht weiß, was er eigentlich will.
(Hanns Eisler) |
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EMJu

Alter: 40 Angemeldet seit: 04.01.2009 Beiträge: 600 
Wohnort: Stuttgart
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Verfasst am: 03.Nov.09 08:22 Nr: 19578 Titel: |
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| Zitat: |
| Oh ... ja ... Emu ... ganz nett. |
Das habe ich jetzt ausgedruckt in Schriftgröße 1024 und als Banderole über mein bett gehängt. Ich glaube, so was Nettes habe ich noch nie von Dir zu meinen Texten gesagt bekommen.
(°v°) _________________ Tempora mutantur, nos et mutamur in illis |
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Der Ohrenschützer

Angemeldet seit: 14.02.2008 Beiträge: 526 
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Verfasst am: 03.Nov.09 12:35 Nr: 19583 Titel: |
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Beleidigte Leberwürschte. Sagt's doch was Gehaltvolles zu diesem tollen Text.  _________________ Der Ohrenschützer |
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michy

Angemeldet seit: 23.11.2006 Beiträge: 1638 
Wohnort: Berlin OT Hitzacker
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Verfasst am: 03.Nov.09 16:12 Nr: 19584 Titel: |
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ein inspirierender text ich bin gleich noch mal auf die bitteren röhrlinge an knoblauch los mein lieber herr/herr  _________________ ...den Rest habe ich einfach verprasst... |
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EMJu

Alter: 40 Angemeldet seit: 04.01.2009 Beiträge: 600 
Wohnort: Stuttgart
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Verfasst am: 03.Nov.09 21:12 Nr: 19589 Titel: |
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Mit den Gallenröhrlingen die Leber töten? Naja, immerhin sorgst du dafür, dass die Vampire dich in Ruhe lassen  _________________ Tempora mutantur, nos et mutamur in illis |
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